Bildbearbeitungssoftware mit MIDI-Controller bedienen (DIY)

Von der Frage warum man die schönen, ergonomischen Regler auf dem Bildschirm entweder mit der Maus einfangen muss oder mit Tastenkombinationen bedienen soll, hin zu der einfachst denkbaren Lösung: die Regler in der Bildbearbeitungssoftware mit richtigen Fadern eines Midi-Controllers bedienen.

Bildbearbeitungssoftware: überall Regler und Listen

Guter Anfang. Übersichtlicher ist moderne Software zur elektronischen Bildverarbeitung (EBV) schon geworden. Vorbei die Zeiten als Eigenschaften von Werkzeugen in Dialogen eingestellt werden mussten. Jetzt wird der Zustand verschiedener Werkzeuge und Bildeigenschaften übersichtlich darstellt, gerne auch in Form von Reglern (sog. Fadern und Drehknöpfen), wie man sie vielleicht von einem Mischpult her kennt.

Vermasselt. Schade nur das die Bedienung der Anzeige soweit hinterher hinkt. Was auf Smartphones und Tablets flüssig gelingt, ist am PC leider eher verkrampft. Die Maus ist eben wesentlich langsamer am Regler angekommen als das Auge und 24 Tastenkombinationen für die Änderung von 12 Reglern u. ä. auswendig zu lernen, mag auch nicht jedermanns Sache sein (im Screenshot nebenan verstecken sich 6 Regler, 3 Listboxen, 3 grafische Auswahllisten).
Kann man nicht das, was auf dem Bildschirm irgendwie analog aussieht auch (gefühlt) analog bedienen?

Auswege? Welche Möglichkeiten der (gefühlt) analogen Bedienung hat man also? Der Blick auf den eigenen Arbeitsplatz, in die Vergangenheit des PC und die Bastelkiste fördert schon ein paar Möglichkeiten zu Tage:

  • Mausrad in Verbindung mit der Position des Mauszeigers (auch Räder auf  Tastatur oder Grafiktablett sind nutzbar)
  • Joystick (zwei bis vier quasi-analoge Regler, sehr ungewohnte Ergonomie)
  • Arduino Leonardo mit Drehimpulsgebern statt Potis (DIY, keine Quick-n-Dirty Lösung, aber tolles Bediengefühl)
  • 3D-Eingabecontroller für CAD (tolle Verarbeitung, liegen gut in der Hand, aber sehr teuer)
  • Touchpad oder Smartphone/Tablet hijacken und als virtuelle – mit Fingern bedienbare – Fader nutzen (ähnlich wie xxx)
  • MIDI-Controller mit Schiebepoti (Fader) und/oder Drehpoti  (vom Mischpult abgeschaut das auf dem Schreibtisch stand)
  • außer Konkurrenz: dedizierte Tasten, bspw. auf der GIMP- oder RPG-Keys-Tastatur (kein wirkliches “Analog Feeling”)

(Warum eigentlich wird manches davon nicht schon längst kommerziell angeboten? Verschenke ich hier vielleicht gerade Patentideen?)

Hardware-Regler

Erste Lösung. Nach dem abwägen des Für und Wider und dem Vergleich des Kosten-Nutzen-Verhältnis war schnell klar: der MIDI-Controller ist eine preiswerte Lösung mit der eine Reihe von Schiebe- und Drehpotis bereits zur Verfügung stehen und per USB sehr einfach an den PC angebunden werden können. Da es solche Controller auch in preisgünstigen Regionen gibt, fiel die Wahl auf den nanoKONTROL2 von Korg.

Verbindung zwischen Soft- und Hardware. Um die Lösung zu implementieren sind drei Schritte notwendig: a) Anschluss des Controllers an den PC, b) welche Möglichkeiten bietet die EBV-Software die Regler zu steuern und c) wie wird der Zug am Fader an die EBV-Software übertragen.

a) Controller anschließen. Die meisten Midi-Controller verfügen zumindest über eine USB-Schnittstelle mit USB-MIDI-Protokoll. Am Windows-PC eingesteckt, das Betriebssystem den Treiber suchen lassen und schon geht’s los. Ggf. sind herstellerspezifische Treiber ratsam, hier ging es auch ohne.

b) Regler in der EBV-Software bedienen. Open Source Software wie GIMP hat die Nase hier meilenweit voran. Fast jede Bedienung in GIMP kann mit einer Tastenkombination versehen werden, alternativ stehen ScriptFu und PythonFu als APIs zur Verfügung. Im vorliegenden Fall wurden neue Tastenkombinationen benutzt. GIMP-Nutzer unter Linux haben bereits eine eingebaute Schnittstelle zu MIDI.
Aber wie sieht das für Benutzer anderer Software aus? Mit Systemanalyse- und Programmierkenntnissen können GUI-Events belauscht und später vom selbstgeschriebenen Treiber ausgelöst werden. Ohne solche detaillierten Technikkenntnisse? Lightroomnutzer unter Windows werden mit Paddy und Knobroom eine vorgefertigte Lösung finden (ohne Programmierkenntnisse nutzbar, Demo). Ansonsten bleiben weniger innovative (und teure) Lösungen wie die von RPG Keys.

c) Midi-Signale zur EBV-Software übertragen. Mit der extrem nützlichen Software AutoHotkey und einem Programmierbeispiel aus dem Autohotkey-Forum lassen sich alle notwendigen Schritte simulieren: MIDI-Schnittstelle initialisieren, richtiges Geräte auswählen, Bewegung am Fader abfangen und passende Tastenkombination senden. Klingt vielleicht kompliziert, den Proof-of-Concept hatte ich nach einer Stunde fertig, dass anschließende Tüfteln und anpassen auf die eigenen Bedürfnisse kann länger dauern.

Korg nanoKONTROL2 mit Belegung in GIMPWas kann das Ding? Im oben abgebildeten Controller sind die Funktionen in GIMP derzeit wie folgt belegt:

  • Ebenentransparenz in 1%-Schritten (9) mit Fader steuern, Ebenenmodus mit Drehpoti auswählen (10), Ebenendialog aufrufen (11),
  • im Ebenenstapel navigieren (7) und die Ebene nach oben oder unten verschieben (8),
  • Pinseltransparenz in 10%-Schritten (1) ändern, Pinselmodus mit Drehpoti auswählen (2),
  • Pinselgröße anpassen und auf Minimum setzen (3), Pinselform auswählen (4),
  • Werkzeug auswählen (6) und Zoomstufe einstellen (5, Reglerminimum = fit to windows, Reglermaximum = 200%)
  • Datei speichern (12)

Es fällt auf, dass der Controller noch einige nicht benutzte Elemente hat: 3 Drehpotis, 3 Schieberegler und 32 Tasten. Es bleibt also Raum für weitere Funktionen. Natürlich wurden im Treiber noch einige Gimicks versteckt: Fader können skaliert werden, zu schnell gezogene Regler werden eingefangen, Maximum und Minimum des Reglers können mit spezifischen Funktionen belegt werden, die Belegung der Regler ist abhängig vom gerade aktiven Programm (denn nicht jede Bewegung am Controller soll in jedem Programm funktionieren) und dergleichen mehr.
Besonders Software zur Raw-Entwicklung, mit ihren bildweit gültigen Einstellungen, sind für die Bedienung mit MIDI-Controllern sehr dankbare Experimentierfelder. Aber auch die Einstellung von Werkzeugen im Pixeleditor mit richtigen (sprich: analog bedienbaren) Reglern macht richtig Spaß … und die Bildbearbeitung ein klein wenig schneller.

  • architekturfotograf (1 comments)Donnerstag, 04. April 2013 - 10:54:41

    was für eine grossartige idee! und wenn sie schon das stichwort “lightroom für windows” erwähnen werde ich direkt einmal die google befragung zum thema lightroom für mac starten. in der architekturfotografie arbeite ich hdr gemäß mit sehr vielen belichtungen und einstellungen in lightroom und später mit unzähligen ebenen in photoshop – da wäre so ein hardware tool wirklich eine tolle arbeitserleichterung an langen bildbearbeitungstagen!!ReplyCancel

  • Thomas Widmaier (1 comments)Freitag, 27. Juni 2014 - 13:29:09

    Tolle Sache, mache gerade das selbe plus die Kassentastatur,
    wäre es möglich das (MIDI) Script für AutoHotKey zu bekommen ?ReplyCancel

Ihre Emailadresse wird nie veröffentlicht oder weitergegeben. Notwendige Felder *

*

*