Vom Unikat eines alten Familienfotos, dessen Reise durch halb Europa, wie es 98 Jahre nach der Belichtung dank digitaler Bildbearbeitung zu neuem Leben kam und einige der Gedanken die auf diesem Wege entstanden.

Original und Reproduktion
1913, ein Tag im Frühjahr/Sommer, in einem osteuropäischen Land.
Es ist ein schöner Tag und sie haben sich entschlossen etwas gemeinsam zu tun, was wahrscheinlich für sie alle das erste mal in ihrem Leben ist. Sie werden sich fotografieren lassen. Es war kein schneller Entschluss, denn Fotografien sind teuer. Dennoch ziehen Sie ihre Tracht an und machen sich zu fünft auf einen zweistündigen Weg in die nächst größere Stadt, zum dortigen Fotografen. Der Fotograf (möglicherweise ein Wanderfotograf) positioniert sie vor seiner Kamera aus Holz und lichtet sie ab. Drei Generationen zeigt das Bild.
1946, Abschied von der Heimat.
Ihre Familien sind vor über zweihundert Jahren aus Schwaben hierher gekommen und haben hier eine neue Heimat gefunden. Doch der Krieg ist vorbei und als Angehörige einer deutschen Minderheit sind sie unerwünscht. Sie packen ein was sie tragen können. Die kleine Fotografie wird ebenfalls eingepackt. Die Gruppe auf dem Foto ist allerdings nicht mehr komplett. Der kleine Junge auf dem Foto ist herangewachsen, hat selbst geheiratet, ist Vater zweier Töchter geworden, wurde zur Wehrmacht eingezogen und gilt an der Ostfront als verschollen. Die Fotografie ist die einzige die von ihm erhalten ist. So wird die Großfamilie mit Tausenden anderer per Zug nach Deutschland geschickt.
Ende der 1950er Jahre, Deutschland, Hessen.
Beide Töchter sind zwischenzeitlich verheiratet und die Mutter überlässt ihrer jüngsten Tochter die Fotografie die ihren Vater zeigt (den kleinen Jungen), an den sie sich kaum noch erinnern kann.
2011, im Herbst.
Es kommt wieder mal völlig unerwartet, der Geburtstag meiner Lieblingstante steht auch dieses Jahr wieder kurz bevor. Was schenke ich ihr? Die guten Ideen und ein paar weniger gute habe ich in den letzten Jahren durchprobiert. Doch meine Mutter hat da eine Idee. Sie erzählt die Geschichte nochmal, vom einzigen Bild meines Großvaters. Dieses kleine, alte Foto das da in der Küche hängt, kann man das nicht “nachmachen” lassen?
Man(n) kann, zumal wenn man ein begeisterter Amateurfotograf ist und nicht zum ersten Mal eine solche Reproduktion macht. Also wird das Foto per DSLR, Makroobjektiv und Reprostativ fotografiert und elektronisch nachbearbeitet. Es folgt der Druck (auch schon wieder eine Weile her), Rahmung mit Passepartout und fertig ist das Geschenk. Es wird ein voller Erfolg, nicht nur die derart Beschenkte freut sich, sondern die ganze Familie ist begeistert.
Gedanken beim Workflow.
Wenn ich längere Zeit mit einem Bild beschäftigt bin, dann gehen mir natürlich auch ein paar Gedanken durch den Kopf.
- Wie viele Fotos überleben so lange? Werden manche meiner Fotos das vielleicht auch schaffen?
- Als Fotograf habe ich keine Ahnung davon wer (wann) eines meiner Fotos betrachten wird. Und was er/sie darin sehen wird.
- Wie lange halten meine Drucke wirklich? Was wird in 98 Jahren davon übrig sein? Was wird mit meinen digitalen Fotos geschehen?
- Wann habe ich das letzte Mal Fotos von meiner Familie gemacht?
- Fotos sind wichtig. Ohne das ich weiß welche von ihnen wichtig sein werden.
Das gute Gefühl. Zur Nachahmung empfohlen.
Ganz ehrlich, dieses Bild zu bearbeiten, zu drucken und zu rahmen war richtig Arbeit. Keine Spielerei von zwei Stunden. Aber es hat Spaß gemacht.

Original, Bildbearbeitung und fertige Reproduktion
Ich habe etwas über meine Familiengeschichte gelernt, habe spannenden Gedanken gehabt, konnte neue Tricks und Kniffe in der Bildbearbeitung erlernen.
Ehrlich gesagt: eine ganze Menge habe ich über Bildbearbeitung gelernt, mehr als ich mir vorher erhofft hatte. Das Bild rechts neben diesem Text deutet darauf hin, demnächst werde ich durchblicken lassen wie ich bei der Bildbearbeitung vorgegangen bin.
Das Beste von Allem: ich konnte Menschen eine Freude machen.
Wie ist das mit Dir, lieber Leser, liebe Leserin? Hast Du vielleicht auch solche Schätzen herumliegen, von denen das ein oder andere auf eine liebevolle Behandlung wartet?
Inhalte der Serie "Fotos reproduzieren"
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Von Uwe
2 Kommentare
[...] Zugegeben, im Blog hat sich diese Dynamik nicht gespiegelt. Dennoch hat sich auch bei mir in 2011 Einiges in Sachen Fotografie getan. Ich durfte manches beobachten, ein paar kleine Erfahrungen machen und dazu eine Menge Gedanken. Zum Beispiel: so hat mich eine alte Fotografie aus dem Familienfundus mehr und Wertvolleres gelehrt, als 28 Jahre im Umgang mit einer SLR-Kamera. Doch dazu zwischen den Jahren mehr bei der Geschichte “Das Geschenk und der 98-Jahre-Workflow“. [...]
[...] Beginn einer fotografischen Reproduktion wie in Das Geschenk und der 98-Jahre-Workflow stellt sich die Frage: wie wird aus dem (analogen) Abzug eine digitale Bilddatei die am eigenen PC [...]