Fotos professionell bewerten – Sterne verteilen darf Spaß machen

Ratingagenturen tun es, der Kundenberater Deiner Bank tut es und als Fotograf tust Du es auch. Bewerten. Genauer: jene Fotos bewerten, die Du von einem Ausflug, Urlaub oder Shooting mitbringst.
Denn schaust Du Dir dein Bilder zum ersten Mal auf dem PC an und schon denkst Du “So viele?”, “Na, da ist aber auch ordentlich Ausschuss dabei” oder “Welche Bilder bearbeite ich weiter?”. Plötzlich wird Dir klar: “Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen” ist leichter gesagt als getan. Also ran ans Werk.

Auf dem Chase Jarvis Blog postete Scott Rinckenberger (Chase’ Assistent) vor einigen Monaten den sehr lesenswerten Artikel Photo Editing 101 – Surviving the Tidal Wave of Data. Kein anderer Blogpost im letzten Jahr hat meinen Workflow soweit voran gebracht.

Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: in vielen Bildbearbeitungsprogrammen lassen sich Bilder mit null bis fünf “Sternen” bewerten. Kein Stern bedeutet meist Ausschuss, bei fünf Sternen darf man einen Knaller erwarten. Keinen Stern zu vergeben war für mich einfach. Aber welchem der besseren Bilder gebe ich drei, vier oder gar fünf Sterne?
Es hört sich einfacher an als es ist und es kostet Zeit. Mich kostet(e) es viel Zeit und es war eher eine lästige Pflicht als eine Kür. Die unten beschriebene Methode funktioniert für mich sehr gut.

Kein Stern = Ausschuss

Kein Stern = alles Ausschuss*

Vorbereitung

  • Alle Fotos werden auf den PC kopiert, ggf. umbenannt
  • Sicherungskopien werden angefertigt,
    es kann also nichts mehr verloren gehen
  • die Fotos werden in der Software geladen
    (Bildbetrachter, eine Bildverarbeitung ist nicht notwendig)
  • Zeit, Ruhe, ein aufgeräumter Arbeitsplatz und eine Kanne Tee – ideale Voraussetzungen für eine produktive Sitzung

Erster Durchlauf, der erste Stern - Ist es kein Schrott?
Volle Geschwindigkeit

  • Gar nicht erst versuchen die Gewinner zu ermitteln. Es geht nur darum jene Fotos mit groben Mängeln rauszuwerfen.
  • Stark unter- oder überbelichtet? Ist es schon in der Übersicht unscharf?
  • Das Modell blinzelt, gähnt, die Gesichtszüge sind entgleist und / oder die Pose ist unvorteilhaft? Sorry, dann gibts auch keinen Stern.
  • Es wird nicht gezoomt, kein Histogramm zu Rate gezogen. Geschwindigkeit ist hier wichtiger als Präzision.
  • Ziel: alle Fotos die keine groben Mängel haben bekommen einen Stern, alle anderen keinen. Bilder ohne Stern tauchen nicht wieder in der Bewertung auf.
Ein oder zwei Sterne?

Ein oder zwei Sterne?

Zweiter Durchlauf, zwei Sterne – Sieht es OK aus?
Volle Geschwindigkeit

  • Es werden nur Fotos angezeigt die einen Stern haben.
  • Bei Bildsequenzen wird jetzt aussortiert was offensichtlich vor oder hinter den Schlüsselbildern (key frames) liegt.
  • Bei Aufnahmen von Menschen wird alles aussortiert was Frau / Mann / Kind schlecht aussehen lässt.
  • Kein Zoom, kein Histogramm, keine Belichtungswertkurven.
  • Der zweite Durchlauf soll schnell gehen. Daher: nicht zögern, im Zweifelsfall für den Angeklagten für das Foto.
    Dennoch, was Du nicht mehr wiedersehen willst fliegt jetzt raus.

An dieser Stelle merkt Scott in seinem Blogpost an:

Now you’re only looking at images that aren’t horrible, but there’s plenty of room between horrible and average.  Volume editing is an elimination process.  This is your last chance to pull out pictures you never want to see again.

Dritter Durchlauf, drei Sterne – Gefällt mir das Foto?
Ruhigeres Tempo

Für mich der schwierigste Durchgang, denn das Hauptkriterium für drei Sterne ist weich und subjektiv. Gefällt mir das Foto? Aber mittlerweile kenne ich die Fotos, habe sie schon zweimal angeschaut. Es gibt Fotos bei denen in mir etwas klingt und eben andere.
Schwieriger wird’s wenn man fotografiert wozu man selbst kaum eine Beziehung hat und sich dann in den Kopf eines Kunden hinein versetzen muss.

  • Es werden nur Fotos angezeigt die zwei Sterne haben.
  • Hier setze ich den Zoom ein, wenn ein Foto anders nicht zu bewerten ist, aber kein 100%-Zoom.
  • Bei Serien: welches Bild gefällt mir am besten (dürfen auch mehrere sein).
  • Ich mag das Bild –> drei Sterne. Ich mag es nicht –> sorry, keine weiteren Sterne.

Vierter Durchlauf, vier Sterne – Gefällt’s mir beim genauen hinschauen?
Zeit nehmen, aber nicht bummeln

  • Es werden nur Fotos angezeigt die drei Sterne haben.
  • Zoom wird eingesetzt, besonders zur genauen Schärfekontrolle und um Details zu betrachten.
  • Die Belichtung wird ggf. mittels Histogramm / Kurven überprüft.
  • Vier- und Fünf-Stern-Fotos werden später weiterverarbeitet, also wähle ich nichts aus das ich nicht wirklich bearbeiten möchte.
  • Es muss gut sein. Würde ich es gerne Anderen zeigen?
Drei, vier oder fünf Sterne - welches der Fotos ist gut genug?

Drei, vier oder fünf Sterne - welches der Fotos ist gut genug?

Fünfter Durchlauf, fünf Sterne – Ist das Foto großartig?
Zeit nehmen, notfalls auch mehr Zeit.

  • Es werden nur Fotos angezeigt die vier Sterne haben.
  • Es geht nicht mehr darum ob die Fotos später weiterverarbeitet werden.
  • Würde ich das Foto in einem Portfolio von 30 oder weniger Bildern haben wollen?
  • Würde ich das Foto in einem Wettbewerb gegen Fotos anderer Fotografen antreten lassen?
  • Würde ich das Foto auf einer Visitenkarte oder Moo-Card mit meinem Namen drucken lassen?

Die Bewertung ist geschafft, was kommt jetzt?

Nach der Bewertung habe ich eines erreicht: ich muss mich jetzt nur noch mit ordentlichen Fotos befassen, der Ausschuss ist erst mal aus dem Weg. Der nächste Schritt heißt also aufräumen:

  • 0, 1 oder zwei Sterne – diese Fotos werden in das Crap-Verzeichnis verschoben
  • 3, 4 oder 5 Sterne – diese Fotos bleiben im Bearbeitungs- / Keeper-Verzeichnis;
    3 Sterne – einzelne Fotos werden ggf. verarbeitet, wenn die Auswahl ansonsten unvollständig wirkt,
    4 oder 5 Sterne – fast alle dieser Fotos werden weiterverarbeitet

Das bewerten mit bis zu fünf Sternen (o.ä.) beherrschen sehr viele Programme, sowohl aus dem kommerziellen Lager als auch aus dem Bereich der Freeware und Open Source Software. Doch selbst wer Bildbetrachter ohne solche Funktionalitäten benutzt – oder diese Funktionalität so nicht nutzen will (wie auch ich) – kann sich mit wenigen Tricks der oben beschriebenen Techniken bedienen. Dazu in einem zukünftigen Artikel mehr.

*Alle Bildbeispiele stammen vom World Bodypainting Festival 2011 in Pörtschach. Die Bilder sind in manchen Fällen zugeschnitten und in allen Fällen skaliert. Ansonsten erfolgte keine Bildbearbeitung, d.h. die Bilder hatte ich beim bewerten so wie hier gezeigt vor mir.

Inhalte der Serie "Workflow uncovered"

  1. Fotos professionell bewerten – Sterne verteilen darf Spaß machen
Thomas Zilch (0 comments)Montag, 08. August 2011 - 19:51:37

Nach der gleichen Methode bewerte ich meine Bilder auch. Man muss die Bewertung nur fest in den Workflow einbauen und sich daran gewöhnen, dann geht die Bewertung sehr schnell von der Hand. Und man muss ehrlich zu sich selbst sein. Nicht viele Bilder verdienen 5 Sterne… :-)

» Links der Woche #63 - Kategraphy (0 comments)Donnerstag, 18. August 2011 - 20:02:53

[...] sinnvoll vergeben in Lightroom: Dieser Artikel [...]

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