Urbex-Scouting: ich muß draußen bleiben …
Das Jahr geht zu Ende, es ist noch reichlich Resturlaub übrig und so sitze ich an einem Freitag in aller Frühe im Auto und fahre nach Luxemburg. Auf dem Programm steht ein altes Stahlwerk, von dem nur noch die Erzbunker und die Wärme-Kraft-Kopplungs übrig sind: Terre Rouge.
Luxemburg ist wie die Wallonie eine Region welche wirtschaftlich eine wechselhafte Geschichte durchlebt hat. Mit der Industriealisierung und der Ausschöpfung der Bodenschätze kam der Aufschwung, mit der zunehmenden Globalisierung kam der ruinöse Kostendruck und schliesslich die Schliessung von Standorten.
Was man andernorts weiter gebrauchen konnte wurde demontiert und fortgeschafft, andere Überreste früherer Geschäftigkeit ließ man stehen und überließ sie dem Zerfall. Im Fall von Terre Rouge wird das Erz bis heute im Tagebau abgebaut, eine imposante Grube zieht sich ganz in der Nähe der alten Hütte wie eine riesige Narbe durch die Landschaft.
Die Anfahrt gestaltet sich unproblematisch, die vorausgegangene Recherche hatte die Anfahrtpunkte geliefert. Die Exploration fängt eben früh an, meist mit der Recherche am Computer.
Es geht vorbei an typischen Bergarbeitersiedlungen, wie ich sie auch aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland kenne. Im Wohngebiet direkt neben dem Gelände mit den Erzbunkern parke ich den Wagen nehme die Ausrüstung aus dem Kofferraum, lege sie an und marschiere zum Gelände. Es regnet, bei Temperaturen um die vier bis sieben Grad, witterungsangepasste Kleidung ist auch hier ein Muss.
In der Peripherie des Geländes stehen lange Reihen von Birken, beim genaueren hinsehen erkennt man die früheren Gleisbetten. Vorbei an einer kleinen Rangierstation geht es zum früheren Maschinenhaus. Hier dürfte das Erz früher zerkleinert worden sein, bevor es anschließend gebunkert wurde. Das große Gebäude ist völlig leer, nur ein gewaltiges Maschinenfundament zeugt von dem riesigen Antrieb der früheren Zerkleinerungsanlage. Das Dach ist so marode das es überall durchregnet. Weiter zu den Erzbunkern.
Rechts neben den Erzbunkern befindet sich die kleine Elektrozentrale dieses Geländeteils. Die weniger kritischen Öffnungen im Gebäude sind durch Drahtgitter gesichert, alles andere zugeschweißt. An der früheren Eingangstür hat der Schweißer allerdings gebummelt, andere Urbexer haben hier die Schweißnaht aufgebrochen.
Wo das Gebäudeinnere nicht ausgebrannt ist, sind abgehängte Decken und angehobene Flure abgestürzt. Alle Übergänge und Kabeltrassen hin zu den Erzbunkern sind zugeschweißt. Hier allerdings in solider Ausführung, kein Durchkommen also.
Im Freigelände geht es vorbei an den Erzbunkern. Die betonierte Rinne unter den Bunkern ist geflutet, der Zugang halbherzig mit Zäunen und Blechen versperrt. Alle Aufgänge zu den oberen Ebenen sind wirksam blockiert, mit Blechen verschweißt und abgetrennten Leitern.
Ein Klettermaxe mit leichtem Gepäck, ohne Angst vor nassen Füssen und vor Höhe findet hier (wenige) Zugangsmöglichkeiten. Ein Fotograf mit umfangreicher Ausrüstung und ohne Sherpas beschränkt sich hier besser auf Aussenaufnahmen. Schade zwar, aber es ist nun mal nicht jeder UrbEx-Ausflug erfolgreich.
Später geht es dann weiter zum früheren Standort der Hochöfen und dem ehemaligen Kraftwerk. Die Abluft der zuletzt drei Hochöfen war hier zu Fernwärme und Strom umgewandelt worden.
Wie auch schon in anderen Stahlwerken wurden die Hochöfen vollständig demontiert und andernorts teilweise wiederverwendet. Von ihnen und der zugehörigen Technik sind die riesigen im Boden eingelassenen Sockel noch zu erkennen, sonst nichts. Central Thermique, die Wärme-Kraft-Kopplung, steht als monolytischer Klotz noch da, beeindruckend groß. Auch hier wurden Zugänge großzügig zugeschweißt, wer nicht mindestens sechs Meter Fassade hochklettern will oder schweben kann bleibt eben draußen. Weitere Zugänge über die Schächte mit den riesigen Abwärmerohren sind erahnbar, für Kontorsionisten besteht hier die Chance durchzukommen.
Ein beeindruckendes Gelände, mit (wie manch Flickr-Profil zeigt) guten Möglichkeiten für Fotos. Aber auch verständlich das hier alles verriegelt und verrammelt ist. Ein Urbexer der in einen 15 bis 20 Meter tiefen Erzbunker stürzt hört und findet so schnell keiner.
Schade drum, aber eben auch verständlich.
Und als ich bei schmuddeligem kalten Wetter durch das Gelände spaziere, da erinnere ich mich wie es war als ich zum ersten Mal eine längst verlassene Eisenhütte besuchte, auf der anderen Seite der Welt …
Fortsetzung demnächst.
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Tags: Eisenhütte, Erfahrungsbericht, Industrie, Luxemburg, Terre Rouge, Urban Exploration, UrbEx
17. März 2009 um 12:17:50
Schade das Du so schnell aufgegeben hast, denn der Zugang zu CT ist auch bei 1.93m inkl. Rucksack und Stativ machbar.
Es lohnt sich auf jeden Fall.
17. März 2009 um 13:15:09
Mmmh, in die Ecke fahr ich wahrscheinlich eh noch mal. Es hatte damals geregnet und ich wollte nicht mitten durch krabbeln.
05. Juni 2009 um 07:38:32
“andere Urbexer haben hier die Schweißnaht aufgebrochen.”
Was ist denn das für eine bösartige Unterstellung? Das waren vielleicht Schrottdiebe, Vandalen oder sonstige Arschlöcher, aber mit Sicherheit keine “Urban Explorer”.
05. Juni 2009 um 20:08:04
Herrlich, wie schwarz-weiß die Welt doch manchmal sein kann. Ja, die Einbruchspuren können auch von anderen ‘einladungsfreien’ Besuchern stammen. Nach eigenen Erfahrungen mit anderen Urbexern ist mir die Aussage ‘… mit Sicherheit keine Urban Explorer’ nur begrenzt nachvollziehbar. Es gibt solche und so’ne, zumindest in meiner Welt, die nicht nur schwarzweiss ist.
12. Juli 2009 um 08:54:23
[...] die Dosiertrichter von Erzbunkern? Ja, enstanden ist diese Aufnahme wirklich in den Erzbunkern von Terre Rouge (Belgien) und weder NCP noch die Sombra Corporation sind nicht mit von der Partie (soweit mir [...]